Gesellschaft,  Radio

Im Habit Kondome verteilen

Sie nennen sich die „queeren Nonnen des 21. Jahrhunderts“ und sie stellen die Heteronormativität buchstäblich auf den Kopf: 

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz

Das sind Aktivist*innen, die sich weltweit ehrenamtlich für die LGBTIQ+-Community und HIV-Prävention engagieren. Sie besuchen Bars, Clubs oder Anlässe der LGBTIQ+-Community, verteilen Kondome, bieten ein offenes Ohr, veranstalten Anlässe oder sammeln Spenden für Projekte und Organisationen, wie zum Beispiel für die Aids-Hilfe. 

Das kleine queere Lexikon

Queer 

Alles, was nicht der Cis-Heteronormativität entspricht. 

Heteronormativität 

Die Weltanschauung, in der Heterosexualität die Norm ist und es nur Mann und Frau gibt. Also eigentlich unsere Gesellschaft, so wie sie im Moment ist. 

Cis oder cisgender 

Wenn die Geschlechtsidentität mit dem Geburtsgeschlecht übereinstimmt, z. B.: Mensch geboren mit Penis, identifiziert sich auch als Mann. 

Trans oder transgender 

Das Gegenteil von Cis. Eine Person, die sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, dass ihr bei der Geburt anhand der äusseren Geschlechtsmerkmale zugewiesen worden wurde. Z. B.: Mensch geboren mit Penis, identifiziert sich nicht oder nicht vollständig als Mann oder ordnet sich nicht dem binären Geschlechtermodell zu. 

Nonbinär oder genderqueer 

Wenn Menschen sich nicht in den Kategorien «Frau» oder «Mann» repräsentiert sehen, sich also nicht dem binären Geschlechtermodell zuordnen.  

LGBTIQ+ 

Auch LGBTLGBTQLGBTIQ+ oder LGBTQIA.  Die Buchstaben stehen für lesbisch, schwul (gay), bisexuell, transinter, asexuell und queer. Ein Sammelbegriff für alle, die nicht hetero und/oder cis sind. 

Radical Faeries

Die Faeries lehnen den heteronormativen Lebensstil ab. Den Faeries geht es um die Überwindung von KonventionenMaskulinismus und traditionellen Geschlechterrollen zugunsten von Respekt und Achtsamkeit im Umgang miteinander, Akzeptanz und Bewahrung der Identität sowie Verbundenheit mit der Natur in allen Erscheinungsformen. 

Eine dieser Schwestern der Perpetuellen Indulgenz ist Schwester Greta von Breitenbach, die zu bürgerlichem Namen Marco Bültermann heisst. Sie ist momentan die einzige aktive Schwester in der Deutschschweiz.

Schwester Greta von Breitenbach, eine Schwester der Perpetuellen Indulgenz
Perpetuelle Indulgenz lässt sich in etwa mit immerwährender Lebensfreude, Schwelgerei, aber auch mit Ablass übersetzen. Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz haben nicht nur einen speziellen Namen, sondern sehen auch genauso kurios aus. Auf dem Kopf tragen sie BH und Schleier, das Gesicht weiss geschminkt mit bunten Akzenten, in deren Kreativität kein Ende gesetzt ist. Diese Schminke ist aber nicht einfach Zufall, sondern hat eine Bedeutung. Das weisse Gesicht steht für den Tod durch HIV und Aids, aber auch für den sozialen Tod durch Ausgrenzung und Stigmatisierung. Die farbigen Akzente stehen für die Lebensfreude.

Ausserdem erkennt man anhand der Aufmachung den Ausbildungsstand einer Schwester. Eine Schwester der Perpetuellen Indulgenz kann man nicht von heute auf morgen werden, dahinter steckt eine Ausbildung. Die Merkmale der verschiedenen Ausbildungsstufen siehst du hier:

Du interessierst dich für die Schwesternschaft und begleitest sie. Das noch in deiner eigenen Kleidung, die allerdings schwarz sein soll. Es ist eine Probezeit, du darfst zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Auskunft im Namen der Schwestern geben. 

Auch hier gilt ein schwarzer Dresscode, aber du schminkst dich mit weissem Gesicht und dezentem Make-up, die Lippen müssen schwarz sein. Denn auch hier darfst du noch keine Auskunft geben.  

Bild: zVg. von Greta von Breitenbach
zVg. von Greta von Breitenbach

Mehr Make-up und wenig Schmuck sind erlaubt. Die Kleider sollen schwarz und weiss sein. Du sollst immer noch dezenter wirken wie eine ausgebildete Schwester.  

Bild: zVg. von Greta von Breitenbach
zVg. von Greta von Breitenbach

Alles ist nun erlaubt, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Basis bleiben natürlich das weisse Gesicht, die farbigen Akzente und der Schleier. Wenn du nun über ein Jahr lang als Schwester wirkst, dann bist du „Sister of Lifetime”. Den Titel als Schwester der Perpetuellen Indulgenz kann dir dann keiner mehr wegnehmen. 

Die Ausbildung dauert unterschiedlich lange. Das kommt ganz drauf an, wie oft du bei Manifestationen, so nennt man es, wenn Schwestern in der Öffentlichkeit erscheinen, dabei bist und wie du dich dabei anstellst. Schwester Greta von Breitenbach hat ihre Ausbildung recht schnell innerhalb eines Jahres absolviert bei der Abtei Bavaria zur Glückseligkeit des Südens e.V., einer von acht Orden in Deutschland.  

Warum aber organisieren sich diese queeren Aktivist*innen als Orden und treten als bunte Nonnen auf?

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz gibt es nun schon eine ganze Weile. Am Osterwochenende 1979 traten die ersten Schwestern in Erscheinung.  Die drei Männer Ken Bunch, Fred Brungard und Baruch Golden tauchten in echten Habiten in The Castro auf, dem Schwulen- und Lesbenviertel San Franciscos. Die Habite gehörten verstorbenen Nonnen und die Männer hatten sie unter dem Vorwand, es für eine Produktion von “The Sound of Music” zu brauchen, organisieren können. Sofort merkten sie, was dieser Auftritt im Habit für eine Aufmerksamkeit generierte.

Der zweite Auftritt war bei einem Softball Spiel der Gay Softball League zusammen mit Edmund Garron. Auch er erkannte das Potenzial hinter der Aufmachung.  Schlussendlich zogen Ken Bunch, Fred Brungard, Edmund Garron und Bill Graham zu viert in eine Wohnung in der Ashbury Street, die dann als “The Convent” bekannt wurde. Zusammen gründeten sie die “Sisters of Perpetual Indulgence”.

Sie sind die Gründungsschwestern: Sister Vicious PHB (Ken Bunch), Sister Missionary Position (Fred Brungard), Sister Hysterectoria-Agnes (Edmund Garron) und Reverend Mother (Bill Graham). Ihre Wohnung wurde zum Treffpunkt der Mitglieder und ihr Telefon zur SPI-Telefonleitung. Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz sind übrigens inspiriert von den Radical Faeries. 

1982 brachten die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz auch die Safer Sex-Broschüre “Play Fair!” rauss, einer der ersten Safer Sex-Broschüren von schwulen Männern, für schwule Männer. Ausserdem benutzte sie sex-positive Sprache und Humor. 

Heute gibt es die Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz über die ganze Welt verteilt. Zum Beispiel in Amerika, Australien, Kolumbien, Frankreich, Deutschland, England oder Uruguay. In Zürich gab es auch einen Orden, der ist allerdings nicht mehr aktiv. In Fribourg gibt es noch den Couvent des Grues 

Queere Nonnen, die Sex bejahen – und was sagen die “echten” Ordensschwestern dazu?

Ein Habit, der teils aus einem BH besteht, das Gesicht bunt bemalt. Und Gott? Der spielt bei den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz nicht wirklich eine Rolle.  Dazu kommt noch, dass die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz ja auch nicht zwingend weiblich sein müssen. Was sagen also “echte” Ordensschwestern, die ihr Leben Gott verschrieben haben, dazu? Um dieser Frage nachzugehen, wollte ich mit Schwester Greta von Breitenbach einem Orden einen Besuch abstatten. Einfacher gesagt, als getan.

Ein paar Absagen später, unter anderem begründet mit: „Nein danke, das käme nicht gut”, haben sich jedoch die Lindenbergschwestern aus Basel zu einem Treffen bereit erklärt. Am Telefon erklärte ich im Vornherein, was auf sie zukommen würde: Eine Schwester der Perpetuellen Indulgenz, ein Mann, in einem Nonnen-Outfit, als Teil einer weltweiten agierenden Gruppe, queerer Aktivist*innen. Es würde bunt werden, hatte ich vorgewarnt.

Trotzdem gross war verständlicherweise die Überraschung, als wir Schwester Luzia, Schwester Hildegard und Schwester Catherine in ihrem Wohnheim besuchten.
Wir setzten uns an einen runden Tisch und Schwester Greta begann zu erzählen, was die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz sind, was sie machen und warum sie so aussehen, wie sie eben aussehen. Schwester Luzia, Hildegard und Catherine zeigten sich interessiert, fragten viel nach. Darunter auch öfters die Frage nach Gott, nach dem Glauben.

Wurde am Anfang des Gesprächs viel erklärt und die Unterschiede herausgearbeitet zwischen den unterschiedlichen Schwestern, so wurden doch auch einige Gemeinsamkeiten festgestellt. Gretas bunte Fassade, hatte zu Anfang vielleicht irritiert oder überrascht, doch traf dann auf Verständnis.
Eineinhalb Stunden sassen die Schwestern an dem runden Holztisch und tauschten sich aus. Auch wenn die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz ihr Leben nicht Gott widmen, sei die Nächstenliebe die grösste Gemeinsamkeit.

Segnung mal ganz anders

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz zeigen immer wieder Parallelen zu echten Ordensschwestern. Nicht nur in der Aufmachung, dem Kirchenlatein oder in der Nächstenliebe, wie die Lindenbergschwestern festgestellt haben, sondern auch in gewissen Ritualen. Zum Beispiel vollführen Schwestern der Perpetuellen Indulgenz Weihe- und Segnungsrituale. Wie so eine Segnung aussieht?  

Meine Radioarbeit

Triggerwarnung zum Thema Suizid.

Ich danke herzlich Schwester Greta von Breitenbach, Schwester Lucretia Lucifera Regina Lux Æterna, Schwester Luzia, Schwester Hildegard, Schwester Catherine, Claire Micallef, Marcello Capitelli, Mirco Kämpf, Sebastian Doss, Hanna Girard, Leah Studinger und Amixs.

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